Davongerannt

Laufen war nie meine große Leidenschaft. Schwimmen gerne. Basketball auch, genau wie Skifahren. Zur Not noch Tennis. Aber bitte nicht Laufen. Noch heute habe ich unangenehme Erinnerungen an die Trimm-dich-Welle Ende der 70er Jahre, als mein Vater die gesamte Familie jedes Wochenende in den Wald karrte und dort auf den Trimm-dich-Pfad zwang. Gelaufen wurde in seinem Tempo, keine Zeit, nach links und rechts zu sehen, immer war ich zu langsam. Diese Waldläufe haben mir das Laufen bis ins Erwachsenenalter verleidet.

Erst mit Ende 20 lief ich langsam wieder los. Erst um den Häuserblock. Dann durch das Viertel. Irgendwann mal zehn Kilometer. Mehrmals die Woche. Bis Kind Nummer 1 kam. Ab da fehlte die Zeit, die Motivation blieb im Rennen zwischen Familie und Job ebenfalls auf der Strecke. Parallel zu Kind Nummer 2 startete ich in die Selbstständigkeit – was definitiv keine Reserven ließ.

Anfang 2014 war dann plötzlich das Gefühl da: So kann es nicht weitergehen. Zuviel Stress, zuviel Sitzen, zu wenig Bewegung. Das vermeintlich einfachste war, einfach wieder loszulaufen. Ganz kurze Strecken, oft begleitet vom großen Kind, das mich locker abhängte. Die Strecken wurden länger, das Laufen nicht unbedingt leichter. Nein, es war nach wie vor definitiv nicht meine Leidenschaft. Es war eher die Vernunft, die mich ein- bis dreimal wöchentlich Richtung Park trieb.

Es hat tatsächlich fast ein Jahr und viele zusätzliche Fitnessstunden gedauert, bis ich während einer meiner Runden plötzlich merkte, dass mich das Laufen nicht mehr anstrengte. Die Beine wurden nicht mehr müde, ich kam nicht mehr außer Atem. Das war der Moment, in dem das Laufen von der Pflichtübung zur Leidenschaft wurde.

Damit wir uns richtig verstehen: Mein Lauftempo ist nach wie vor alles andere als rasend und der Halbmarathon noch weit außerhalb meiner Reichweite. Ich werde viel häufiger von anderen Läufern überholt, als ich selbst überhole. Manchmal schaue ich den Überholern auf die Beine und versuche mir abzugucken, was sie schneller macht. Oder ich rennen versuchsweise ein Stück mit. Letztendlich ist es mir aber eigentlich egal. Ich freue mich einfach auf die Stunde, die vor mir liegt, in der ich über ganz viel oder auch garnichts nachdenken kann. Auf das erstmal kaputt nach Hause kommen, um sich nach fünf Minuten dann absolut energiegeladen zu fühlen.

PS: Meinen Vater hänge ich mittlerweile und mit großer Freude sowas von ab. Das große Kind hängt dafür noch immer mich ab. Anfang des Schuljahres hat es sich beim Lauftraining in der Schule angemeldet – freiwillig, obwohl er dafür früher aufstehen muss. Was mich sehr freut, weil es mir zeigt, dass man manchmal nur ein wenig warten muss, bis Kinder von sich etwas entdecken und dann großen Spaß daran entwickeln – ganz ohne Zwang und Druck.

Titelfoto: unsplash.com/Dustin Scarpitti

 

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